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Kinder, die stören – und wie Pädagog:innen unterstützen können

Jede:r Pädagog:in kennt sie: Kinder, die im Gruppenalltag immer wieder auffallen – sei es durch Unruhe, Störungen, Aggressionen oder Schwierigkeiten, sich in die Gruppe einzufügen. Doch was steckt dahinter? Ist es bloß „unangemessenes Verhalten“ oder gibt es tiefere Ursachen?

 

Häufig haben diese Kinder Schwierigkeiten mit der Wahrnehmungsverarbeitung, die ihnen die Alltagsbewältigung erschweren. Besonders in Gruppensituationen mit vielen Gleichaltrigen kann das zu herausfordernden Situationen führen.

 

Sensorische Integrationsstörungen als mögliche Ursache

Die Art und Weise, wie Kinder Sinnesreize verarbeiten, beeinflusst ihr Verhalten enorm. Wenn das Nervensystem Reize anders als erwartet aufnimmt oder verarbeitet, kann das zu Über- oder Unterreaktionen führen. Drei häufige sensorische Herausforderungen, die im pädagogischen Alltag für auffälliges Verhalten sorgen, sind:

 

🔑  Unterempfindlichkeit im Gleichgewichts-, Kraft- oder Berührungssinn

Diese Kinder nehmen nicht alle Sinnesinformationen bewusst wahr, die um sie herum passieren. Sie suchen oft starke Reize, was sich in einem hohen Bewegungsdrang zeigt  – meist, ohne dass sie sich selbst der Konsequenzen für die menschen rund um sie bewusst sind.

 

💡 Wie zeigt sich das?

  • Sie stoßen an andere Kinder oder Gegenstände, ohne es zu merken.
  • Sie sind oft grob, schubsen oder greifen zu fest zu.
  • Sie sind ungeschickt und zerstören unabsichtlich Bauwerke oder Spielsachen.

💡 Wie kannst du unterstützen?

  • Zuerst zeige Verständnis: „Ich sehe, dass du gerade viel Kraft brauchst, aber die anderen Kinder mögen es nicht, wenn du sie festhältst.“
  • Dann biete unbedingt eine sozial verträgliche Alternative an, z. B. die Fahrzeuge im Garten aufräumen lassen, Tonarbeiten, Tafellöschen, oder bei älteren Kindern auch Tischaufstütz oder Wandliegestütz.

 

🔑  Überempfindlichkeit gegenüber diffusen Berührungsreizen (Taktile Abwehr)

Kinder mit einer taktilen Überempfindlichkeit reagieren übertrieben auf diffuse, feine Berührungen, die für andere kaum spürbar sind. Besonders herausfordernd sind für sie daher viele Personen - vor allem unkontrollierbare Kleinkinder - auf engem Raum, wo es häufig zu unvorhersehbaren flüchtigen Berührungen kommt.

 

💡 Wie zeigt sich das?

  • Sie meiden Körperkontakt und ziehen sich zurück (Fluchtreaktion).
  • Sie reagieren übermäßig empfindlich auf bestimmte Kleidung, Sand oder Matsch.
  • Sie werden unerwartet wütend oder ängstlich, wenn sie gestreichelt oder leicht berührt werden (Kampfreaktion).

💡 Wie kannst du unterstützen?

  • Respektiere die Empfindlichkeit: Statt „Das tut doch gar nicht weh!“ zu sagen, lieber: „Ich verstehe, dass das für dich unangenehm ist.“
  • Schaffe Rückzugsmöglichkeiten: Ein ruhiger Bereich oder ein kleines Zelt kann dem Kind helfen, sich zu regulieren.
  • Zwinge oder überrede das Kind nicht zu unangenehmen Erfahrungen. Das überreizt lediglich sein Gehirn und bringt keine nachhaltige Lernerfahrung.

 

🔑  Schwächen der Bewegungs- und Handlungsplanung (Dyspraxie)

Dyspraktische Kinder haben Schwierigkeiten, rasch und automatisch ungewohnte, neuartige Bewegungsabläufe zu planen und umzusetzen. Sie benötigen mehr Zeit und oft ein Vorbild, um sich an neue Situationen anzupassen.

 

💡 Wie zeigt sich das?

  • Sie vermeiden ungewohnte oder spontane Bewegungsspiele.
  • Sie wissen nicht, wie sie sich in ein Spiel integrieren können.
  • Sie brauchen viel Anleitung bei neuen Abläufen.

💡 Wie kannst du unterstützen?

  • Gib dem Kind mehr Zeit, sich in neue Spiele oder Abläufe einzufinden.
  • Unterstütze es, indem du dich selbst oder ein anderes Kind als Modell einsetzt.
  • Biete visuelle Schritt-für-Schritt-Anleitungen an.
  • Fördere Erfolgserlebnisse, indem du gerade so viel Hilfe wie nötig gibst.

 

Setze deine „sensorische Brille“ auf!

Anstatt auffälliges Verhalten vorschnell negativ zu bewerten und das Kind als „ungezogen“ oder „störend“ einzuordnen, lohnt es sich, mit einer sensorischen Perspektive hinzuschauen. Wenn ein Kind regelmäßig durch bestimmte Reize oder Situationen aus dem Gleichgewicht gerät, könnte eine sensorische Integrationsstörung eine Rolle spielen.

Durch verständnisvolle Kommunikation, gezielte Unterstützung und Rückzugsmöglichkeiten können Pädagog:innen betroffenen Kindern helfen, sich in ihrer Umgebung wohler zu fühlen und besser in die Gruppe zu integrieren.

 

Möchtest du mehr darüber erfahren?

Wir haben eine Checkliste zur sensorischen Beobachtung in der Pädagogik erstellt. Schreib INFO in die Kommentare, wenn du ihn erhalten möchtest!

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