Teil 3 der Blogserie zur evidenzbasierten Praxis
Fallstudien spielen eine zentrale Rolle in der Ergotherapie. Sie untersuchen komplexe klinische Fälle detailliert und leiten daraus praxisnahe Erkenntnisse ab. Während große randomisierte Studien allgemeingültige Aussagen treffen können, zeigen Fallstudien, wie individuelle Klient:innen auf die Intervention reagieren. Fallstudien können uns anregen und motivieren, neue Behandlungsmaßnahmen auszuprobieren und Lösungen zu entwickeln.
Fallstudien liefern uns also wertvolle Informationen für den klinischen Alltag: Sie zeigen Behandlungsverläufe, Lösungsansätze für spezifische Probleme und verdeutlichen, wie sich bestimmte Therapiemaßnahmen auf das Leben unserer Klient:innen auswirken können. In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf vier besonders aufschlussreiche Fallstudien, die Erkenntnisse liefern, die jede:r Ergotherapeut:in in die eigene Praxis einfließen lassen kann.
1. Beaudry (2013) – Ein autistisches Kindergartenkind mit Ausscheidungsstörungen
Diese Fallstudie dokumentiert den Therapieprozess eines Kindes mit Autismus, das ausgeprägte sensorische Verarbeitungsstörungen und damit verbundene Ausscheidungsprobleme hatte. Das Kind hatte Schwierigkeiten, das Bedürfnis zu urinieren oder zu defäkieren zu erkennen, und zeigte extreme Angstreaktionen in Bezug auf die Toilette.
Erkenntnisse für die Praxis:
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Stufenweise Annäherung in einer sensorisch angepassten Umgebung: diese Fallstudie zeigt, wie eine sensorisch angepasste Umgebung und eine schrittweise Annäherung an die Toilette halfen, die Ängste des Kindes abzubauen.
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Typische ET-ASI Aktivitäten zur besseren Körperwahrnehmung: Verstärkter taktiler und propriozeptiver Input verbessert die Körperwahrnehmung und das Empfinden von Harn- oder Stuhldrang.
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Strukturierte Routinen mit visuellen Hilfsmitteln: Bildersequenzen oder Timer können dem Kind helfen, den Ablauf des Toilettengangs besser zu verstehen und vorhersehbarer zu machen.
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Elternberatung und Umweltanpassung: Die Anpassung der häuslichen Umgebung und enge Begleitung der Eltern sind entscheidend für den langfristigen Erfolg.
2. Schaaf, Hunt & Benevides (2012) – Ergotherapie nach ASI-Ansatz (ET-ASI®) zur Verbesserung der Partizipation eines autistischen Kindes
Diese Fallstudie beschreibt, wie Ayres' Sensorische Integrationstherapie gezielt eingesetzt wurde, um die soziale Partizipation eines Kindes mit Autismus zu verbessern. Das Kind zeigte anfangs Vermeidungsverhalten in sozialen Situationen und Schwierigkeiten, sensorische Reize zu verarbeiten.
Erkenntnisse für die Praxis:
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Kontrollierte sensorische Intervention, die an die individuellen Bedürfnisse angepasst ist: die Therapieaktivitäten müssen gezielt auf die Art der sensorischen Verarbeitungsstörung ausgerichtet sein. (Eine genaue Diagnostik ist daher Voraussetzung.)
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Zuerst muss das Erregungsniveau reguliert werden: Regelmäßiger propriozeptiver und vestibulärer Input (z.B. durch Schaukeln, Springen, Klettern) helfen, das Erregungsniveau zu stabilisieren und soziale Interaktion zu erleichtern.
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Integration von Partizipationszielen: Die Therapie sollte direkt auf Schul- oder Freizeitaktivitäten vorbereiten.
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Kontinuierliche Anpassung des Therapieansatzes: die datengeleitete Entscheidungsfindung (DDDM-Prozess) hilft uns, den Therapieplan regelmäßig an die Fortschritte und (neuen) Herausforderungen anzupassen.
3. Auld-Wright (2023) – Die Bedeutung des EASI für eine präzise Befunderhebung
Diese Fallstudie hebt hervor, wie die normierte Testbatterie Evaluation in Ayres Sensory Integration (EASI) eine genauere Diagnose und damit eine gezieltere Therapie ermöglicht. Es wird gezeigt, dass die ursprüngliche Befunderhebung ohne EASI die sensorischen Probleme eines dreijährigen Mädchens nicht hinreichend erfassen konnte und erst durch den Einsatz des EASI sensorische Defizite deutlich wurden, die ihre soziale Interaktion und Alltagsbewältigung beeinflussten. Die Testergebnisse waren entscheidend dafür, dass die Therapeutin die Alltagsprobleme des Kindes richtig interpretieren und verstehen konnte.
Erkenntnisse für die Praxis:
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Normierte Tests sind notwendig, um zuverlässige Ergebnisse in der Befunderhebung zu erhalten: subjektive Einschätzungen allein reichen nicht aus, um sensorische Verarbeitungsstörungen präzise zu identifizieren. Sie sind stark von der klinischen Erfahrung der Therapeut:in abhängig, und viel Erfahrung bedeutet dabei nicht unbedingt, viele normal entwickelte Kinder als Referenzrahmen zu haben.
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Präzise Diagnostik führt zu einer gezielten Intervention: nur wenn wir die Stärken, Schwächen und Störungen der sensorischen Empfindlichkeit (Reaktivität), Perzeption, und Praxie differenziert erfassen, können wir die Therapie individuell auf die probleme des Kindes abstimmen.
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Kombination von Elternberichten, systematischer Beobachtung und objektiven Tests: dieser mehrdimensionale Ansatz ermöglicht uns eine umfassende Beurteilung der sensorischen Herausforderungen eines Kindes.
4. Roley (2024) – Verbesserung der sozialen Partizipation durch ET-ASI®
Diese aktuelle Fallstudie beschreibt die sensorische Integrationstherapie für einen sechsjährigen Jungen mit sozialen Ängsten und sensorischen Verarbeitungsproblemen. Die Therapie zielte darauf ab, seine sensorische Regulation zu unterstützen und dabei sein soziales Verhalten mit angepasster Unterstützung herauszufordern.
Erkenntnisse für die Praxis:
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Eine ASI-Intervention kann gezielt zur Förderung sozialer Kompetenzen genutzt werden, indem sie an Grundlagen arbeitet: durch sensorische Strategien Regulation stärken und damit Defensivität und Ängste abbauen und anpassende Reaktionen aus dem Bereich der sozialen Interaktion hervorrufen.
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Gezielte soziale Herausforderungen in einer sensorisch angepassten Umgebung: Soziale Interaktion kann gezielt in einem sensorisch regulierenden Setting (z.B. in kleinen Gruppen mit gedämpftem Lärmpegel ohne körperliche Nähe) geübt werden.
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Ebenso wie bei Anforderungen an die Motorik oder Praxie folgen die sozialen Herausforderungen dabei dem Prinzip der genau richtigen Herausforderung (Just-Right-Challenge), sodass sich das Kind in sozialen Situationen zunehmend sicherer fühlt.
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Unterstützung durch regulierende Strategien: taktiler Tiefdruck und propriozeptiver Input (z.B. durch einen Stressball), tiefes Atmen bzw. physiologisches Seufzen und Bewegungspausen können mit dem Kind als regulierende Strategien erarbeitet werden.
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Einbeziehung von Bezugspersonen: Eltern und Lehrkräfte wurden in sensorische Strategien eingewiesen, um das Kind in Alltagssituationen besser zu unterstützen. Elternberatung und Heimprogramme spielen eine entscheidende Rolle, um die Therapieerfolge in den Alltag des Kindes zu übertragen.
Fazit
Fallstudien sind eine wertvolle Informationsquelle für Ergotherapeut:innen, weil sie praxisnahe Einblicke in Behandlungsprozesse geben. Während groß angelegte Studien wichtige allgemeine Erkenntnisse liefern, helfen uns Fallstudien, individuelle Lösungsansätze zu entwickeln und spezifische Herausforderungen besser zu verstehen. Die analysierten Fallstudien zeigen eindrucksvoll, dass evidenzbasierte Ergotherapie einen spürbaren Unterschied für Kinder mit sensorischen Verarbeitungsproblemen machen kann.
Und das kannst du tun
Nutze Fallstudien als Inspirationsquelle! Lies regelmäßig Fachartikel, die klinische Fälle beschreiben, und überlege, welche Erkenntnisse du für deine eigene Arbeit nutzen kannst. Hinterfrage deine Praxis: Welche Methoden nutzt du, und gibt es neuere evidenzbasierte Ansätze, die effektiver sein könnten? Vielleicht möchtest du sogar selbst eine Fallstudie dokumentieren und veröffentlichen – so trägst du aktiv zur Weiterentwicklung der Ergotherapie bei!
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