· 

Was sagt uns die Evidenzpyramide?

Wir alle kennen die Evidenzpyramide. Sie zeigt uns, wie verlässlich verschiedene Arten von wissenschaftlichen Studien sind. Aber worum geht es eigentlich? Es geht darum, wie objektiv und vertrauenswürdig die Ergebnisse von Studien sind. Je weiter oben eine Studienmethode in der Pyramide steht, desto besser kontrolliert sie alle möglichen Einflussfaktoren und  Fehlerquellen – und desto sicherer können wir sein, dass die Ergebnisse wirklich stimmen.

 

Warum das wichtig ist

In der Praxis verlassen wir uns oft auf Erfahrung und Intuition – beides ist wichtig, aber nicht ausreichend für professionelles Arbeiten. Wir wissen ja, dass unser Eindruck manchmal täuschen kann, dass unsere Intuitionen sehr subjektiv sind und dass intuitive Maßnahmen nicht replizierbar sind, weil wir gar nicht wissen, warum sie gewirkt haben. Wissenschaftliche Studien helfen uns, objektiver zu bleiben. Sie zeigen uns, welche Methoden tatsächlich wirken und welche vielleicht nur so scheinen, als würden sie helfen, oder durch ganz andere Faktoren wirken als wir annehmen.

 

Systematische Reviews und Meta-Analysen – die höchste Evidenzstufe

Systematische Reviews (Übersichtsarbeiten) und Meta-Analysen sind die zuverlässigsten Studien, die du finden kannst. Sie bieten einen Überblick über alle vorhandenen Studien zu einer Fragestellung. Sie bündeln die Ergebnisse der objektivsten Studien (im Normalfall RCTs) und bewerten sie gemeinsam.

  • Systematische Reviews analysieren und vergleichen bestehende Studien nach festgelegten Kriterien. Sie bieten einen Überblick über den aktuellen Wissensstand zu einem bestimmten Thema.

  • Meta-Analysen gehen noch einen Schritt weiter: Sie fassen die Daten aus mehreren Studien statistisch zusammen und ermöglichen so eine noch genauere Beurteilung der Wirksamkeit einer Therapie.

Der Vorteil dieser Methoden ist, dass sie eine breite Datenbasis haben. Statt nur eine einzelne Studie zu betrachten, beziehen sie viele hochwertige Studien mit ein – das erhöht die Verlässlichkeit der Ergebnisse enorm.

 

Eisenbrenner legte 2020 einen viel beachteten und wichtigen systematischen Review zu evidenzbasierten Methoden für die Behandlung von Autismus vor. Für uns ist diese Übersichtsarbeit deshalb so wichtig, weil einmal mehr Ergotherapie mit Ayres'  Sensorischer Integration (ET-ASI®) als ein wirkungsvoller evidenzbasierter Behandlungsansatz aufgenommen wurde. In einem Beiheft ist sogar extra erklärt, dass wirklich nur die manualisierte ET-ASI® evidenzbasiert ist und nicht alle möglichen Ansätze und Methoden, die  "irgendwie" sensorische Reize einsetzen.

 

Ein potenzieller Nachteil  von übersichtsarbeiten ist, dass die Studienauswahl und die Interpretation der Ergebnisse dem Filter der Autor:innen des Reviews unterliegen. Sie können original Studien bewusst oder unbewusst verfälschen und auf- oder abwerten, vor allem wenn sie möglicherweise eine bestimmte Agenda verfolgen. Wir wissen alle, dass man das Glas halb voll und halb leer sehen und darstellen kann. Dies ist in der Geschichte der SI leider immer wieder passiert. 

 

Was ist ein RCT und warum ist diese Studienart so wertvoll?

Ein Randomized Controlled Trial (RCT) ist eine wissenschaftliche Studie, in der die Studienteilnehmer:innen zufällig einer Behandlungsgruppe oder einer Kontrollgruppe zugewiesen werden. Dadurch werden Verzerrungen minimiert und wir können sicherer sagen, dass die beobachteten Effekte tatsächlich auf die Intervention zurückzuführen sind.

 

Ein aktuelles Beispiel aus der SI ist der RCT von Schaaf (2025), in dem sie die Wirksamkeit von Ergotherapie nach Ayres' SI-Ansatz bei Kindern mit Autismus im Vergleich zu ABA untersucht hat. Die Ergebnisse zeigen, dass 3x wöchentliche ET-ASI® signifikante Verbesserungen in der Alltagsbewältigung und sensorischen Verarbeitung bewirkt. Diese Art von Evidenz ist besonders wertvoll, weil sie zeigt, dass die Therapie unter kontrollierten Bedingungen funktioniert. 

 

 

Warum Studien mit schwächere Methodik wertvoll sind: Fallstudien

Am unteren Ende der Evidenzpyramide stehen Fallberichte. Sie sind spannend, weil sie Einblicke in individuelle Therapieverläufe geben. Da sie nicht so streng kontrollierten Bedingungen unterliegen wie RCTs wissen wir nicht, ob die beobachteten Erfolge wirklich von der Therapie kamen oder durch andere Faktoren und wie weit die Ergebnisse verallgemeinerbar sind.

 

Ein Beispiel: Beth Pfeiffer dokumentierte eine Reihe von Kindern mit sensorischen Verarbeitungsstörungen, die SI-Therapie erhielten. Die Kinder zeigten Fortschritte – aber es gab keine Vergleichsgruppe, keine systematische Kontrolle. Vielleicht wären die Kinder auch ohne Therapie besser geworden? Oder vielleicht hat etwas anderes geholfen? Wir können es nicht sicher sagen.

 

Fazit

Die Evidenzpyramide hilft uns, Studien besser einzuordnen. Fallberichte sind interessant, aber sie reichen nicht aus, um Therapieentscheidungen zu treffen. Hochwertige Studien wie die von Eisenbrenner oder die RCT-Studie von Schaaf (2025) geben uns verlässliche Antworten darauf, was wirklich funktioniert.

 

Deshalb sollten wir uns immer fragen: Wie sicher können wir uns sein, dass eine Methode tatsächlich wirkt? Wenn wir unseren Patient:innen die beste Therapie bieten wollen, sollten wir auf die beste verfügbare Evidenz setzen.

 

Und das kannst du tun

Wissenschaftliche Studien müssen keine trockene Theorie bleiben – du kannst sie aktiv in deine Praxis einbauen! Je mehr du dich mit Evidenz beschäftigst, desto sicherer wirst du in deinen Therapieentscheidungen!

 

Setze dir das Ziel, regelmäßig einen Fachartikel oder eine Studie zu einem Thema zu lesen, das dich interessiert. Frage dich dabei: Welche Evidenz steckt hinter den Methoden, die du verwendest? Gibt es neue Erkenntnisse, die deine Arbeit bereichern könnten? Tausche dich mit Kolleg:innen aus oder nimm am ASI STUDY CLUB der GSIÖ teil, wo du jeden Monat einen neuen Fachartikel auf Deutsch (!!) bekommst und immer am zweiten Mittwoch des Monats in einem zoom Treffen mit Kolleg:innen besprechen kannst

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0